Zeitsprung zurück ins Mittelalter

Erlebnisturm „Zwinger“ in Goslar gehört zu den „Besten im Harz“

„Unsere Besten im Harz“ hatte der Harzer Tourismusverband (HTV) 2015 per Online-Umfrage gesucht. Die Volksstimme wird einige der gekürten Sehenswürdigkeiten in einer losen Serie näher vorstellen. Heute: Der Erlebnisturm „Zwinger“ in Goslar.

Von Holger Hadinga Goslar • Historische Schwerter, Rüstungen, Geschütze oder Folterinstrumente aus dem späten Mittelalter und der Zeit des 30-Jährigen Krieges. All dies befindet sich hinter der 6,50 Meter dicken Mauer des Erlebnisturms „Zwinger“ im nieder- sächsischen Goslar.

Ihre Besten im Harz 2015/16
Zwinger zu Goslar Herr Mevers
Zwinger zu Goslar Herr Mevers
Der Eigentümer des Goslarer Erlebnisturmes Zwinger, Jörg-Heiko Mevers, demonstriert, wie eine Steinschleuder bedient wird. Daneben gehören unter anderem diverse Lanzenarten, Armbrüste und sogar ein Geschütz zur Sammlung. Foto: Holger Hadinga

Das Gebäude zählt zu den stärksten Befestigungsanlagen Europas. Der Zwinger ist Teil der Goslarer Befestigungsanlage aus dem Jahr 1517. Er wurde zum Schutz der Stadt errichtet. Die einstigen Baumeister haben vorwiegend Sandstein sowie gebrannten Kalk verwendet. Zur damaligen Zeit vermengten die Handwerker zur Abhärtung den Mörtel mit Quark, Ochsenblut, Rosshaar und Ziegenmilch.
Heute zieht der „Zwinger“ Besucher beziehungsweise Touristen aus dem gesamten Harz an. „Seit 2015 gibt es den Namen ‚Erlebnisturm‘. Denn das hier ist kein herkömmliches Museum, sondern Ausstellungsstücke können unter Anleitung ausprobiert werden, gewissermaßen als lebendiges Mittelalter“, erklärt Eigentümer Jörg-Heiko Mevers.

Seit dem 1. August 1936 ist der Zwinger nämlich in Privatbesitz. Mevers wohnte bis zum 13. Lebensjahr in diesem Gebäude. „Ich bin hier groß geworden. Meine Klassenkameraden haben mich deswegen beneidet“, sagt er. Hauptberuf- licht arbeitet Mevers als Bank- angestellter. In seiner Freizeit kümmert er sich um Turm- Projekte, seine Ehefrau Birgit ist für Büroarbeit und Organisation zuständig.
Ein erfolgreiches Vorhaben für Schulklassen ist unter anderem „History and Fun“ („Geschichte und Spaß“). Hierbei wird bei Dunkelheit Gruselstimmung erzeugt und mittelalterliche Geschichte vermittelt. Unter anderem können die Mädchen und Jungen ein 15 Kilogramm schweres Kettenhemd anlegen. Mevers: „Dann bekommt man eine Vorstellung, wie schwer solch eine Ausrüstung überhaupt war. Natürlich können so et- was auch Erwachsene ausprobieren.“
Ebenfalls dürfen die Besucher nachgebaute Gewehre in die Hand nehmen und unter fachkundiger Anleitung eine Armbrust spannen oder eine Steinschleuder bedienen. Erwachsene lassen sich gern zum Ritter schlagen. „Viele, die früher schon als Kind hier waren, kommen heute wieder und bringen ihre Sprösslinge mit“, sagt der Eigentümer.
Weitere originelle Stücke im Ausstellungsraum sind beispielsweise japanische Samuraihelme, ein römisches Geschütz zum Abfeuern von Brandpfeilen, riesige Kanonen- kugeln aus Stein oder ein spezieller Pranger für zänkische Frauen, Trunken- und Raufbolde. Die Originalstücke befinden sich hinter Vitrinenglas.

In einer Nische wurde außerdem eine alte Wachstube mit Schießscharte nachgebaut. „Der Ausstellungsraum ist klein, dafür sehr übersichtlich“, betont Jörg-Heiko Mevers. Weiter sagt er, dass im Turm noch mehr historische Utensilien zu bestaunen waren. Der Goslarer: „Nach dem Zweiten Weltkrieg
haben amerikanische Soldaten leider einiges mitgenommen.“ Eine weitere Attraktion des Zwingerbesuchs ist die atem- beraubende Aussicht von der Plattform des rund 25 Meter hohen Turmes. Hier kann der Blick weit über Stadt und Land schweifen. Mevers plant an dieser Stelle ein Dach und Verglasung. Die Krönung soll ein Gastronomiebetrieb über den Dächern von Goslar werden, alles mit 360 Grad Rundumsicht. Wichtig seien zunächst Gespräche mit Behörden und Förderstellen.
„Am Turm muss immer etwas getan werden.“ Jörg-Heiko Mevers, Eigentümer
Fachkundige Auskunft geben drei Museumsführerinnen. Eine von ihnen ist seit dem Jahr 2000 Ute Langsch. Die heutige Rentnerin war in ihrem Berufsleben als Krankenschwester tätig. Hier kann sie ihr Interesse für Geschichte ausleben. „Mir gefällt an meiner Arbeit, wenn nach den Führungen vor allem die Kin- der sagen, dass es ihnen gefallen hat“, sagt Ute Langsch.

Zwinger zu Goslar Rüstungen
Zwinger zu Goslar Rüstungen
In den Vitrinen sind originale Ausstellungsstücke zu sehen. Foto: Holger Hadinga
Zwinger zu Goslar Wachstube
Zwinger zu Goslar Wachstube
Blick in eine nachgebaute Wachstube. Foto: Holger Hadinga

Sie hat in all den Jahren so manches Kuriose erlebt. Unter anderem erinnert sich Ute Langsch an einen Zehnjährigen, den sie im Prangerkasten fand, kurz bevor das Gebäude abgeschlossen werden sollte. Seine Klassenkameraden hatten ihn dort heimlich eingesperrt. Außerdem kam eine über 90 Jahre alte Goslarerin in den Turm. Bevor sie sterbe, so die alte Dame, wolle sie den „Zwinger“ einmal besichtigen.
Vom 1. November bis zum 14. März ist im „Zwinger“ jedoch Winterpause. Dann sind Führungen nur nach Anmeldung möglich. In dieser Zeit finden meist Wartungsarbeiten statt. „Am Turm muss immer etwas getan werden“, sagt Jörg-Heiko Mevers. Anmeldungen sind ebenfalls für den Gastronomiebereich im unteren Gebäudeteil nötig. Hier finden zum Beispiel kulturelle Veranstaltungen, Familien- und Weihnachtsfeiern sowie Ritteressen statt.
Mevers Vater und Großvater hatten hier einen regulären Restaurantbetrieb. „Von 1965 bis 1976 kamen viele Gäste aus Dänemark“, sagt der heutige Eigentümer.

Fotos: Holger Hadinga
Quelle: Harzer Volksstimme 23. Januar 2016

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